Herbie Schmidt hat für die Leser der NZZ angeblich „Alles Wissenswerte rund um den Stromer“ *1 zusammengetragen. Tatsächlich versucht er vor allem, Skeptiker zu überzeugen.
Der Artikel „Das Elektroauto unter der Lupe“ ist für Leser, die sich bisher wenig mit dem Thema beschäftigt haben, durchaus informativ. Allerdings nimmt es der Autor mit den Fakten nicht immer so genau. Gegenargumente lässt er gerne unter den Tisch fallen.
Es folgen Zitate in kursiver Schrift sowie Kommentare:
„In der 130-jährigen Automobilgeschichte ist das Elektroauto eine noch junge Spezies, deren Entwicklung erst seit rund 20 Jahren rasch voranschreitet.“
Falsch!
- Experimentelle Elektro-Fahrzeuge wurden der staunenden Öffentlichkeit bereits vor über 200 Jahren vorgestellt *2
- Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war etwa jedes dritte Auto elektrisch angetrieben * 3
Damals gab es noch keine EU-Kommission. Die Kunden konnten frei wählen. Doch obwohl bereits ein Elektroauto erhältlich war, das bis zu 340 km weit fahren konnte (der Detroit Electric Model C)*4, entschieden sich bald fast alle Käufer für Verbrennungsmotoren.
Herbie Schmidt verschweigt seinen Lesern, dass das E-Auto schon einmal am Markt gescheitert ist. Er präsentiert es ihnen als Innovation, der unweigerlich die Zukunft gehöre.
Dazu weckt er u.a. übertriebene Hoffnungen auf eine bessere Akkutechnik:
„Im nächsten Entwicklungsschritt soll bis 2030 die sogenannte Feststoffbatterie eingeführt werden. Sie verfügt über eine höhere Leistungsdichte, weshalb Akkus künftig wesentlich kleiner und leichter sein werden.“
Was genau bedeutet „wesentlich leichter“? In dem dazu verlinkten Beitrag heißt es:
«Die Festkörperbatterie ist vielversprechend, weil sie sich ohne weiteres in Autos integrieren lässt und weil sie eine um 25 bis 35 Prozent höhere Energiedichte hat»
25–35 %? Am höheren Gewicht wird sich also nichts Grundlegendes ändern.
Einen nicht ganz unwichtigen Nachteil der heutigen Akkus verschweigt Schmidt übrigens. Niemand weiß, wann Festkörperakkus bezahlbar sein werden, vielleicht dauert es zehn Jahre, vielleicht geht es auch etwas schneller. Sicher ist nur, dass dann niemand mehr die feuergefährlichen Akkus von heute in der Garage stehen haben will. Der hohe Wertverlust von E-Autos ist heute schon ein so großes Problem, dass Autovermieter keine E-Autos mehr in ihre Flotte aufnehmen wollen. Kommt der Feststoffakku, dürfte der Restwert der bisher verkauften E-Autos mit konventioneller Batterie mit einem Schlag auf Null sinken.
Auch darauf wird der Leser von Herbie Schmidt nicht hingewiesen.
Zur Umweltbilanz des E-Autos weiß er zu berichten:
„Betrachtet man die gesamte Lebensdauer eines Fahrzeugs, weisen Autos, die mit Strom fahren, eine bessere Ökobilanz auf als ein Verbrenner. Das bestätigt eine Studie des Paul-Scherrer-Instituts, berechnet für die Jahre 2018 und 2040, wenn schärfere Umweltnormen bestehen werden.“
Der angegebene Link führt nicht auf die erwähnte Studie. Schmidt meint wahrscheinlich dieses Papier: Current and future environmental performance of passenger cars *5
Zitat daraus: „Current BEV … charged with European average electricity already provide lower life cycle Greenhouse Gas(GHG)emissions than conventional ICEV and have climate impacts comparable to HEV.“
Den Durchschnittsstromansatz zu verwenden, entspricht der völlig unsinnigen Annahme, die Emissionen der Stromerzeugung seien lastunabhängig. Tatsächlich wird ein großer Teil zusätzlicher Stromnachfrage (des sogenannten Marginalstroms) noch immer von fossilen Kraftwerken erzeugt. Daran wird sich so bald nichts ändern.
(Dies gilt übrigens auch für die Schweiz, die noch weit von einer Selbstversorgung entfernt ist. Dort wurde z.B. am 24.1.2025 um 20:00 Uhr eine Leistung von 4,8 GW erzeugt. Der Bedarf lag aber bei 7,8 GW, die Differenz musste importiert werden. Ohne Elektroautos hätte weniger importiert werden müssen. Die Emissionen des importierten Stroms können natürlich nicht anhand der Schweizer Wasserkraftwerke bestimmt werden.)
Das alles weiß natürlich auch das Paul-Scherrer-Institut. Ihr Mitarbeiter Christian Bauer hat 2023 ein Peer Review für eine andere Studie des VDI verfasst.*6 Darin wurden beide Ansätze (Durchschnitts- und Marginalansatz) durchgerechnet. Die Ergebnisse veranschaulichen, wie sich die Klimabilanz des E-Autos durch die Wahl des systematisch falschen Ansatzes beschönigen lässt:

Der nachträglich angebrachte grüne Pfeil markiert den Unterschied:
Mit dem realistischen Marginalstrom schneiden E-Autos tendenziell schlechter ab als Verbrenner.
Ob der NZZ-Autor Herbie Schmidt diese Zusammenhänge je recherchiert und verstanden hat, ist nicht bekannt. Fest steht nur, dass seine Leser nicht erfahren, dass die Legende von der Klimafreundlichkeit des E-Autos auf einer Bilanzmanipulation beruht.
Zum Schluss entfernt Schmidt sich verblüffend weit von der Realität:
„Die Wende ist längst angelaufen … Rund 130 Jahre nach dem Beginn der Vorherrschaft des Verbrenners findet weltweit zunehmend ein Umdenken in Richtung der Elektromobilität statt.“
Er beruft sich dabei auf eine Studie der indischen Unternehmensberatung Tata Consultancy Services. Wer wurde befragt? „1300 Vertreter der Elektroautohersteller, Ladesäulenlieferanten, Flottenkunden und Konsumenten aus 18 Ländern.“
Daran fällt auf, dass die Anbieter und damit die Profiteure der E-Mobilität zuerst genannt werden. Immerhin wurden aber auch Kunden befragt. Was kam dabei heraus?
„Die Studie ergab, dass weltweit 6 von 10 Verbrauchern ein E-Auto für ihren nächsten Kauf als wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich ansehen. Die Bereitschaft ist in den USA mit 72 Prozent deutlich höher als etwa in Japan (31 Prozent).“
72 % in den USA?! Warum erreicht der Marktanteil dann keine zehn Prozent?

Auch die Angaben zu Japan scheinen fragwürdig zu sein. Wenn angeblich 31 % den Kauf eines E-Autos erwägen, warum tun es dann tatsächlich keine zwei Prozent? *7
In Europa ist der Absatz 2024 gar gesunken. *8
In China wächst der PHEV-Absatz in China schneller als derjenige von BEV. *9 BYD verkauft inzwischen mehr Plugin-Hybride als batterieeelektrische Autos. *10
In Wahrheit deutet nichts auf ein „weltweites Umdenken der Kunden in Richtung der Elektromobilität“ hin. Herbie Schmidt scheint sich für seinen Text bewusst eine Quelle herausgesucht zu haben, die das behauptet, was er selbst hören und verkünden möchte.
Im letzten Satz seines Beitrags sagt er schließlich, worin er seine Aufgabe zu sehen scheint: „Gerade diese abwartende Haltung aber könnte den Autobauern schaden, denn so tragen sie nur durch ihre Stromer zum Durchbruch der E-Mobilität bei.“
Herbie Schmidt hat für sich eine Aufgabe gefunden: Er möchte „zum Durchbruch der E-Mobilität beitragen“.
Das sei auch im Interesse der Autohersteller, ist er überzeugt. Dass der weltgrößte Autohersteller Toyota mit seiner Prognose richtig liegen könnte und das Elektroauto nur eine Nische von maximal 30 Prozent *11 besetzen wird, kann er sich in seinem Eifer nicht vorstellen.
Aus dieser Gesinnung heraus schreibt er seine Artikel. Herbie Schmidt gibt vor, „die wichtigsten Fakten zusammenzufassen“, aber durch das Weglassen wichtiger Fakten und die einseitige Auswahl der Quellen wird daraus etwas ganz anderes – eine Predigt.
In Wirklichkeit ist er ein Missionar für die E-Mobilität.
Ist das noch mit dem journalistischen Anspruch der NZZ vereinbar? Vielleicht sollte ihn der zuständige Ressortleiter in einer ruhigen Minute mal zur Seite nehmen und daran erinnern, dass von guten Journalisten erwartet wird, Bericht und Meinung sauber auseinanderzuhalten.
Kopfgrafik: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kiddie_ride_maggiolino_Herbie_-_Centro_Commerciale_Reggio_Sud.jpg
Quellen:
*1 https://www.nzz.ch/mobilitaet/elektroautos-fakten-mythen-und-kosten-im-ueberblick-ld.1867701
*3 https://www.energy.gov/articles/history-electric-car
*4 https://generationstrom.com/2016/09/23/e-auto-mit-340km-reichweite/
*5 https://www.nextgenerationpolicy.com/fileadmin/user_upload/Fuss/Policy_Brief_No_3_PSI_corrected.pdf
*8 https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/rho-motion-2024-rekordjahr-fuer-elektroautos/
*10 https://www.electrive.net/2025/01/03/byd-verkauft-176-millionen-e-autos-in-2024/

